Rockerbanden: Netzwerke oder Organisationen?

  • Martin Neumann
  • Michael Möhring
Schlagworte: Rockerbanden, Organisatorische Differenzierung, Kommunikationsnetzwerkanalyse, Handlung und Struktur

Abstract

Ziel der Analyse ist die Untersuchung, wie die organisierte Tätigkeiten mit strukturellen Merkmalen von Organisationen in der organisierten Kriminalität zusammenhängen, d. h. allgemein: auf die Beziehung von Handlung und Struktur. Die hier verfolgte Forschungsfrage ist, wie Rockerbanden in einer Skala zwischen durchlässigen Netzwerken und monolithischen Verbrechersyndikaten zu verorten sind. Zu diesem Zweck wurde, basierend auf Abhörprotokollen polizeilicher Ermittlungen, das Kommunikationsnetz einer Rockerbande analysiert. Netzwerkindikatoren einzelner Akteure, wie Zentralitätsmaße, sowie Merkmale des Gesamtnetzwerks, wie Cluster, wurden analysiert und die Arbeitsteilung innerhalb der Gruppe untersucht. Die Ergebnisse der Analyse wurden mit dem offiziellen Bild der Rockerbande verglichen, das eine vorgebliche Aufgabendelegation und strenge formale Hierarchie aufweist. Während die formale Struktur sich teilweise in kommunikativen Aktivitäten wiederfindet, gibt es jedoch auch erhebliche Abweichungen. Es konnte eine arbeitsteilige Rollendifferenzierung festgestellt werden, die Gruppe erwies sich jedoch als weitaus weniger differenziert als es dem offiziellen Bild entspricht. Die Bande bestand aus mehreren Clustern und führende Akteure erlangten Macht durch privilegierten Zugang zu ihren jeweiligen Unterstützernetzwerken. Die Tatsache, dass jeder Hauptakteur privilegierten Zugang zu einzelnen Unterstützernetzwerken hatte, stellt Bindungskräfte für die gesamte Gruppe her, da die Hauptakteure so voneinander abhängig bleiben. Es finden sich auf individuellem Sozialkapital basierende Statusdifferenzierungen, jedoch keine sozialen Positionen, die Verfestigung von Status ermöglichen würden. Dies ist jedoch ein entscheidendes Strukturmerkmal von Organisationen.

Veröffentlicht
2020-03-30